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Leben am Rande der Welt: archäobotanische Untersuchungen in Kellis

In der Mitte des ersten Jh. n. Chr. wurde in Dakhla, einer Oase in der Westlichen Wüste Ägyptens, mit der Errichtung eines Tempels begonnen, der dem ägyptischen Gott Tutu geweiht war. Bald darauf entstand um diesen Tempel eine Siedlung, Kellis, mit Wohnquartieren, Verwaltungsbezirk und Nekropolen. Seine Blütezeit erreichte Kellis im frühen 4. Jh. n. Chr. Neben einer regen Bautätigkeit in den zivilen Bereichen, wurden auch drei Kirchen errichtet und Kellis wurde zu einem lokalen Zentrum des Christentums. Gegen 380 n. Chr. begann die lokale Bevölkerung abzuwandern und um 400 n. Chr. war die Siedlung verlassen. Die Gründe für die Aufgabe der Siedlung werden wohl vielfach gewesen sein. Dazu zählen wahrscheinlich das Versiegen der Quellen, eine Versalzung der Böden und unkontrollierbare Sandbewegungen.

Flotation von Erdproben zur Gewinnung von Pflanzenresten.

Das lokale Klima hatte in römischer Zeit bereits seinen gegenwärtigen Zustand der Hyperaridität erreicht. Regen fällt nur sporadisch, meist als lokal begrenzter, mitunter heftiger Wolkenbruch. Die durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge beträgt nur 0,7 mm. Die durchschnittlichen Maximaltemperaturen liegen bei 21,5°C im Jänner und bei 39°C im August, aber auch Maxima von 50°C werden gemessen. Unter solch extremen Bedingungen ist alles Leben von unterirdischen Wasserquellen abhängig. In Dakhla sind dies Wasser führende Schichten im Nubischen Sandstein, einer tertiären Formation. Wasser trift in Quellen an die Oberfläche und wird durch Brunnen erschlossen.



Elektrostatische Extraktion von Pflanzenresten aus trockenen Sedimenten. Bei dieser Methode müssen grosse Pflanzenreste wie z.B. Olivenkerne, händisch aussortiert (Bild links) werden.

Mit dieser Hintergrundinformation im Kopf und dem im Vergleich zu den damaligen Möglichkeiten massiven Einsatz von Technik vor Augen, mit dem die Bauern heute ihre Felder bewässern, haben wir zu Beginn unserer Arbeit in Kellis erwartet, dass die Bewohner wohl ein karges Leben geführt hätten. Umso erstaunter waren wir dann über die Bandbreite der zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel. So wurden nicht nur Weizen, Gerste, Perlhirse und Bohnen angebaut, die wohl der Grundversorgung dienten, sondern auch Gemüse, Obst und Gewürze. Neben Zwiebel und Knoblauch, die in keiner römischen Küche fehlen durften, gab es Artischocken, Sellerie, Fenchel, Gurke und Wassermelone und als Gewürze Koriander, Anis, Sesam und Rosmarin.

In römischer Zeit begann man auch mit dem Anbau von Ölbäumen, Zitronatzitronen und Marillen und man experimentierte mit für diese Gegend so ungewöhnlichen Fruchtgehölzen wie Apfel- und Pfirsichbäumen. Vor allem die Ölbaumkulturen scheinen sich gut entwickelt zu haben und das aus den Oliven gepresste Öl war von hoher Qualität und sehr gefragt. Es wurde exportiert und bildete die Basis für den Reichtum der Bevölkerung. Auch der Anbau von Weintrauben, für den die Oasen der Westlichen Wüste Ägyptens seit pharaonischer Zeit berühmt sind, wurde intensiv fortgesetzt und natürlich gab es auch noch Datteln, Feigen und Granatäpfel. Was man nicht selbst produzieren konnte, wurde importiert. So finden sich immer wieder Pinienkerne, Walnuss-, Haselnuss-, Mandel- und Pistazienschalen.

Die extreme Trockenheit der letzten Jahrtausende hat sich nicht nur in archäobotanischer Hinsicht als großer Vorteil erwiesen. Auch andere organische Reste wie Tierknochen, Leder, Flechtwerk, Bauholz, etc. sind hervorragend erhalten. Besondere Bedeutung kommt den beschriebenen Papyrusfragmenten und Holztäfelchen zu, die nicht nur Briefe, Verträge, philosophische und religiöse Abhandlungen enthalten, sondern auch Auskunft über Landbesitz und Pachtverträge geben. Diese Pacht wurde in Naturalien bezahlt und wir wissen daher, was als «cash crop» angebaut wurde und wie viel die einzelnen Nahrungsmittel wert waren.

Obwohl mindestens acht Tagesreisen vom Niltal entfernt, in einem der unwirtlichsten Gebiete am Rande der damals bekannten Welt gelegen, war das Leben der Bevölkerung von Kellis keineswegs durch Entbehrungen geprägt. Es gelang vielmehr, durch geschickte Ausnutzung der lokalen Gegebenheiten, eine stabile Lebensgrundlage zu schaffen.

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